Archiv für Mai 2010

Warum sind wir alle Spekulanten?

Donnerstag, 20. Mai 2010

Spekulation ist abgeleitet von dem lateinischen Begriff 'speculari' und bedeutet ursprünglich 'Beobachtung'. Alltagssprachlich handelt es sich um eine unbewiesene Vermutung. In der Wirtschaft beschreiben wir damit eine Tätigkeit, die darauf abzielt, Gewinne durch Preisveränderungen zu erzielen.

Bezugnehmend auf die ursprüngliche Bedeutung 'Beobachtung' erkennen wir, dass wir alle Spekulanten sind.

Nehmen wir als Beispiel den Straßenverkehr. Bei einem Zebrastreifen gehen wir davon aus, dass wir auf ihm die Straße sicher überqueren können. Wir vertrauen darauf, dass die anderen motorisierten Verkehrsteilnehmer die Bedeutung des Zebrastreifens kennen und sich an die Straßenverkehrs-Ordnung halten. Eine Strasse ohne Zebrastreifen würden wir mit Sicherheit nicht genauso 'sorglos' überqueren.

Im Grunde genommen vertrauen wir also den Regeln, nicht aber den anderen Verkehrsteilnehmern. Die Mehrheit der motorisierten Verkehrsteilnehmer agiert sicherlich verantwortungsvoll, aber eben nicht alle. Ohne Regeln würden einige mit unangemessener Geschwindigkeit durch die Stadt 'rasen'. Selbst mit Regeln nehmen es einige, zum Beispiel mit der Promillegrenze, nicht so genau. Aber nicht nur motorisierte Verkehrsteilnehmer gehören zu den 'Übeltätern'. Fußgänger, die trotz roter Ampel die Strasse überqueren, sind ein gewohntes Bild. Ebenso Radfahrer, die unerlaubt Einbahnstrassen in der falschen Richtung benutzen. Alle spekulieren damit, dass sie nicht erwischt werden.

Eine verantwortungsvolle Selbstkontrolle des Straßenverkehrs findet nicht statt. Wie wir in den letzten Monaten und Jahren gelernt haben, ist das beim Geldverkehr nicht anders. Also brauchen wir Kontrollen, Regeln, Strafen und auch Verbote, weil eben ein schwarzes Schaf bereits eines zu viel ist!

Im Übrigen ist der Straßenverkehr nur ein Beispiel von vielen. Das ganze Leben ist eine Spekulation. Das ist nicht verwunderlich, wenn wir bedenken, dass es in einer (Frucht)-blase entsteht :-)

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Warum erinnert mich Facebook immer mehr an die UdSSR?

Samstag, 15. Mai 2010

In den letzten Tagen wird mitunter sehr heftig über den Datenschutz und die Privatsphäre bei Facebook geschrieben. Dieser mediale Aufruhr findet nicht zum ersten Mal statt.

Worum es meines Erachtens wirklich geht, ist die Einstellung von Facebook bzw. seiner Unternehmensleitung gegenüber seinen Nutzern. Facebook ist die öffentliche Meinung und die Proteste seiner Nutzer relativ egal. Das Unternehmen spekuliert damit, dass es nicht lange dauern wird, bis die Medien eine neue Schlagzeile finden. Sollte sich die Situation nicht beruhigen, entschuldigt sich das Unternehmen pro forma und macht die ein oder andere Programmeinstellung rückgängig. Anschließend werden im stillen Kämmerlein neue, subtilere Möglichkeiten der Datenbeschaffung entwickelt.

Die Meinung der Nutzer ist sekundär. Schließlich nutzen wir die Plattform und den damit verbundenen Service zum Nulltarif, dafür können wir wenigstens mit persönlichen Daten bezahlen. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul und wir werden zu 'Datenvieh' degradiert. Die Geringschätzung ist offensichtlich. Solange wir nicht in Scharen abwandern, sondern stetig neue Nutzer hinzukommen bzw. der Wanderungssaldo positiv bleibt, fühlt sich das Unternehmen in seiner Vorgehensweise bestätigt. 400 Millionen Datensätze, auch Nutzer genannt, Tendenz steigend, was soll da schon passieren?

Aber finden wir Facebook wirklich so toll? Ist uns wirklich egal, was mit unseren Daten passiert? Sind wir wirklich so dumm, dass wir nicht merken, was passiert? Finden wir es unterhaltend, eine Datenschutzerklärung zu lesen, die länger ist als die amerikanische Verfassung? Stärkt es unser Vertrauen, dass wir zunehmend explizit unser Nichteinverständnis erklären müssen, statt explizit unser Einverständnis zu erklären? Wissen wir wirklich, was passiert, wenn wir irgendetwas anklicken? Mehr und mehr hält das Misstrauen Einzug in die Facebook-Welt.

Noch profitiert das Unternehmen davon, dass es zur Zeit keine ernstzunehmenden Wettbewerber gibt, aber das kann und wird sich im digitalen Zeitalter sehr schnell ändern. Auch werden Unternehmen die Situation kritisch bewerten. Nicht zu Unrecht befürchten sie negative Übertragungseffekte auf das eigene Image im Falle einer Kooperation und spätestens wenn die Werbetreibenden wegbleiben, fällt das Kartenhaus zusammen. Es gibt also nicht nur ethische, sondern auch wirtschaftliche Gründe für ein Umdenken.

Was hat das Ganze mit der UdSSR zu tun?

Es ist ein Fehler, die Menschen zu unterschätzen. Es ist ein Fehler, davon auszugehen, dass schweigende Mehrheiten auf ewig schweigen werden. Diesen Fehler hat auch die UdSSR gemacht. Sie hatte 1991, im Jahr ihrer Auflösung, über 290 Millionen Einwohner. Die UdSSR war neben den USA die zweite Weltmacht. 'Too big to fail'? Von wegen.

Durch Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit) sollte das System reformiert werden. Allerdings kam diese Initiative seitens der Regierenden zu spät, die Entwicklung verselbstständigte sich und die Regierenden verloren die Kontrolle, sodass sich die UdSSR auflöste.

Die Schrift an der Wand ist da, wird Facebook den Sinn der Worte verstehen?

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Warum geht es in der Eurokrise nicht nur um Wirtschaft und Finanzen?

Mittwoch, 12. Mai 2010

Nicht erst seit dem letztem Wochenende gibt es in der Bevölkerung eine tiefe Verunsicherung Europa und den Euro betreffend. Am letzten Wochenende ist eigentlich 'nur' eine weitere Eiterbeule geplatzt. Die Probleme werden von einer Vielzahl von Experten und solchen, die es werden wollen, analysiert und diskutiert. Leider gibt es auch viel zu viel Polemik, Agitation und Populismus, welche die allgemeine Verunsicherung unnötig verschärft.

Mir geht es heute nicht um die wirtschaftlichen, fiskalischen und politischen Gründe, welche zu diesem Chaos geführt haben. Hierzu möchte ich nur festhalten, dass ökonomische Modelle zur Lösung der Probleme nur bedingt tauglich sind. Des weiteren hat die Bevölkerung das Gefühl, dass die Politiker nicht mehr Herr bzw. Frau der Lage sind. Dieser Vertrauensverlust wiegt schwer, denn immerhin tragen die Politiker die Verantwortung für einen gangbaren Weg aus der Misere.

Das grundsätzliche Problem liegt woanders. Wer empfindet sich wirklich als Europäer bzw. Europäerin? Eine Währung alleine schafft keine Identität. Ein Parlament, von dem viele nicht wissen, wofür es zuständig ist und was es tut, schafft auch keine Identität. Keine Grenzen schaffen auch keine Identität. Jedes Unternehmen hat eine CI, einer Corporate Identity. Diese Unternehmenspersönlichkeit führt dazu, dass ein Unternehmen als Einheit wahrgenommen wird und als Einheit handelt. Europa bzw. die EU haben diese Identität nicht.

Corporate Identity setzt sich aus mehreren Elementen zusammen, unter Anderem der Corporate Communication, der Unternehmenskommunikation. Hier liegt in der EU Einiges im Argen, denn es gibt de facto keine gemeinsame Kommunikation. Europa spricht nicht mit einer gemeinsamen Sprache, weder im übertragenen noch im direkten Sinn. Es gibt kein 'europäisches' Medium, weder online noch offline, welches über eine nennenswerte Verbreitung verfügt.

Eine gemeinsame Sprache trägt wesentlich zur Identifikation bei. In der aktuellen Diskussion über den Euro hören wir oft, dass die Menschen in Deutschland der Deutschen Mark nachtrauern. Ist aber ein Deutschland ohne gemeinsame deutsche Sprache, dem sogenannten Hochdeutsch, vorstellbar? Wäre Deutschland mit der D-Mark erfolgreich gewesen, wenn Friesen, Westfalen, Rheinländer, Bayern, Schwaben und alle Anderen nicht miteinander hätten kommunizieren können? Ohne eine gemeinsame Sprache ist keine Kommunikation möglich. Kommunikation ist Voraussetzung für Identität und damit einer Wertegemeinschaft. Hierüber sollte Europa kreativ nachdenken und Lösungen erarbeiten.

Mer sin noch nit an Schmitz Backes verbei – Rheinländer werden wissen, was ich meine :-)

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