Warum erinnert mich Facebook immer mehr an die UdSSR?
Samstag, 15. Mai 2010
In den letzten Tagen wird mitunter sehr heftig über den Datenschutz und die Privatsphäre bei Facebook geschrieben. Dieser mediale Aufruhr findet nicht zum ersten Mal statt.
Worum es meines Erachtens wirklich geht, ist die Einstellung von Facebook bzw. seiner Unternehmensleitung gegenüber seinen Nutzern. Facebook ist die öffentliche Meinung und die Proteste seiner Nutzer relativ egal. Das Unternehmen spekuliert damit, dass es nicht lange dauern wird, bis die Medien eine neue Schlagzeile finden. Sollte sich die Situation nicht beruhigen, entschuldigt sich das Unternehmen pro forma und macht die ein oder andere Programmeinstellung rückgängig. Anschließend werden im stillen Kämmerlein neue, subtilere Möglichkeiten der Datenbeschaffung entwickelt. Die Meinung der Nutzer ist sekundär. Schließlich nutzen wir die Plattform und den damit verbundenen Service zum Nulltarif, dafür können wir wenigstens mit persönlichen Daten bezahlen. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul und wir werden zu 'Datenvieh' degradiert. Die Geringschätzung ist offensichtlich. Solange wir nicht in Scharen abwandern, sondern stetig neue Nutzer hinzukommen bzw. der Wanderungssaldo positiv bleibt, fühlt sich das Unternehmen in seiner Vorgehensweise bestätigt. 400 Millionen Datensätze, auch Nutzer genannt, Tendenz steigend, was soll da schon passieren? Aber finden wir Facebook wirklich so toll? Ist uns wirklich egal, was mit unseren Daten passiert? Sind wir wirklich so dumm, dass wir nicht merken, was passiert? Finden wir es unterhaltend, eine Datenschutzerklärung zu lesen, die länger ist als die amerikanische Verfassung? Stärkt es unser Vertrauen, dass wir zunehmend explizit unser Nichteinverständnis erklären müssen, statt explizit unser Einverständnis zu erklären? Wissen wir wirklich, was passiert, wenn wir irgendetwas anklicken? Mehr und mehr hält das Misstrauen Einzug in die Facebook-Welt. Noch profitiert das Unternehmen davon, dass es zur Zeit keine ernstzunehmenden Wettbewerber gibt, aber das kann und wird sich im digitalen Zeitalter sehr schnell ändern. Auch werden Unternehmen die Situation kritisch bewerten. Nicht zu Unrecht befürchten sie negative Übertragungseffekte auf das eigene Image im Falle einer Kooperation und spätestens wenn die Werbetreibenden wegbleiben, fällt das Kartenhaus zusammen. Es gibt also nicht nur ethische, sondern auch wirtschaftliche Gründe für ein Umdenken. Was hat das Ganze mit der UdSSR zu tun? Es ist ein Fehler, die Menschen zu unterschätzen. Es ist ein Fehler, davon auszugehen, dass schweigende Mehrheiten auf ewig schweigen werden. Diesen Fehler hat auch die UdSSR gemacht. Sie hatte 1991, im Jahr ihrer Auflösung, über 290 Millionen Einwohner. Die UdSSR war neben den USA die zweite Weltmacht. 'Too big to fail'? Von wegen. Durch Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit) sollte das System reformiert werden. Allerdings kam diese Initiative seitens der Regierenden zu spät, die Entwicklung verselbstständigte sich und die Regierenden verloren die Kontrolle, sodass sich die UdSSR auflöste. Die Schrift an der Wand ist da, wird Facebook den Sinn der Worte verstehen?Posted via email from Warum